Ein unbearbeitetes Foto kann dein Produkt falsch darstellen. Klingt widersprüchlich? Ist es aber nicht.
Etsy möchte gegen irreführende KI-Bilder vorgehen und verlangt seit Oktober 2026 für die meisten physischen Produkte mindestens ein unbearbeitetes Foto im Listing.
Die Absicht dahinter kann ich nachvollziehen. Käuferinnen und Käufer sollen schließlich das Produkt bekommen, das sie auf den Fotos sehen. Aber genau hier liegt für mich ein ziemlich großer Denkfehler.
Ein unbearbeitetes Foto ist nicht automatisch ein authentisches Foto. Und ein bearbeitetes Foto ist nicht automatisch eine Verfälschung.
Ganz im Gegenteil: Oft brauchen wir die Bildbearbeitung überhaupt erst, damit unser Produkt auf dem Foto so aussieht wie in Wirklichkeit. Denn eine Kamera bildet die Realität nicht einfach eins zu eins ab. Licht, Weißabgleich, Objektiv, Sensor und die kamerainterne Verarbeitung beeinflussen das Ergebnis. Und später kommt noch der Bildschirm hinzu, auf dem das Foto betrachtet wird. Genau deshalb gehört die fotografische Bildentwicklung zu guten Produktfotos dazu.
Ich möchte dir zeigen, warum ich die neue Etsy-Vorgabe kritisch sehe, was sie für Handmade-Shops bedeutet und welche Fragen sich daraus ergeben.
Das besprechen wir in diesem Beitrag zum Thema Etsy und Bildbearbeitung:
- Was Etsy mit den neuen Bildrichtlinien verlangt
- Warum ein unbearbeitetes Foto dein Produkt falsch darstellen kann
- Warum Kameras die Realität nicht einfach kopieren
- Bildbearbeitung oder Bildmanipulation: wo liegt die Grenze?
- Warum die neue Vorgabe gerade kleine Handmade-Shops trifft
Was verlangt Etsy mit den neuen Bildrichtlinien?
Im Oktober 2026 hat Etsy seine Anforderungen an Produktbilder aktualisiert. Für die meisten physischen Produkte sieht die neue Vorgabe mindestens ein unbearbeitetes Foto des tatsächlichen Produkts vor einem realen Hintergrund vor.
Die übrigen Produktbilder dürfen weiterhin bearbeitet werden. Dazu gehören auch bestimmte KI-gestützte Bearbeitungen, solange die Darstellung das tatsächliche Produkt korrekt wiedergibt. Für bestimmte Produktarten, etwa digitale Produkte oder Print-on-Demand-Artikel, gelten besondere Regeln.
Etsy verbietet also nicht grundsätzlich die Bildbearbeitung.
Aber mindestens ein Foto soll ohne nachträgliche Veränderungen auskommen. Und genau damit wird eine Vorstellung befeuert, die sich hartnäckig hält:
Ein unbearbeitetes Foto sei automatisch ehrlicher, natürlicher und authentischer. Aus fotografischer Sicht ist das schlicht falsch. Denn die Frage ist doch nicht, ob ein Foto bearbeitet wurde.
Die Frage ist, ob es das tatsächliche Produkt korrekt zeigt.
Und genau das lässt sich nicht allein daran festmachen, ob jemand nach der Aufnahme einen Regler in Lightroom bewegt hat.
Warum ein unbearbeitetes Foto dein Produkt falsch darstellen kann
Stell dir vor, du verkaufst handgemachte Taschen aus einem wunderschönen türkisfarbenen Stoff. Du fotografierst deine Tasche mit deinem Smartphone. Auf dem Foto sieht das Türkis plötzlich eher blau aus.
Du fotografierst sie an einem anderen Ort. Jetzt hat der Stoff einen Grünstich. Beim dritten Versuch sieht die Farbe wieder anders aus. Welche dieser Aufnahmen zeigt nun dein Produkt richtig?
Die Tatsache, dass ein Foto unbearbeitet ist, sagt überhaupt nichts darüber aus, ob seine Farben stimmen.
Wenn ich den Weißabgleich korrigiere, einen Farbstich entferne oder die Belichtung anpasse, verfälsche ich das Produkt nicht zwangsläufig. Ich kann damit genau das Gegenteil erreichen: Ich gleiche das Foto an die tatsächliche Erscheinung des Produkts an. Und das ist doch der eigentliche Sinn guter Produktfotografie. Natürlich kann ich mit Bildbearbeitung auch Farben verfälschen. Wenn ich einen roten Stoff künstlich knallrot mache, obwohl er in Wirklichkeit eher gedeckt ist, ist das keine realitätsgetreue Darstellung.
Aber eine sorgfältige Farbkorrektur verfolgt gerade das gegenteilige Ziel.
Wir gleichen Fotos der Realität an – nicht von ihr weg.


Wichtig ist dabei immer der Abgleich mit dem tatsächlichen Produkt. Nicht jedes hellere oder kräftigere Foto ist automatisch das richtigere.
Vier Orte, vier Farben: Wie Licht deine Produktfotos verändert
Eine Shopbetreiberin schrieb mir unter meinem Instagram-Karussell, dass sie dieselbe Tasche an vier verschiedenen Orten fotografiert und dabei vier unterschiedliche Farbergebnisse bekommt. Das ist überhaupt nicht überraschend.
Denn vier verschiedene Orte bedeuten häufig auch vier unterschiedliche Lichtsituationen. Und Licht hat einen enormen Einfluss darauf, wie Farben, Materialien und Oberflächen auf unseren Produktfotos aussehen.
Licht ist nicht gleich Licht
Tageslicht am Fenster ist etwas anderes als eine warme Deckenlampe. Ein bewölkter Himmel liefert anderes Licht als direkte Sonne. Auch die Tageszeit verändert das Licht. Und dann gibt es noch Reflexionen. Eine pinkfarbene Bluse, eine grüne Wand oder ein farbiger Untergrund können Licht auf dein Produkt zurückwerfen und dadurch die Farben beeinflussen. Gerade bei schwierigen Farbtönen wie Türkis, Petrol, Rot oder Violett fällt das schnell auf.
Das Problem liegt also nicht zwangsläufig an falschen Kameraeinstellungen. Es liegt häufig an der gesamten Lichtsituation.
Wie kannst du das vermeiden?
Du kannst deine Lichtsituation bewusst gestalten und möglichst konstant halten. Dazu gehört:
- Möglichst mit derselben Lichtquelle zu fotografieren.
- Unkontrolliertes Mischlicht aus Tageslicht und verschiedenen Lampen zu vermeiden.
- Auf farbige Reflexionen durch Wände, Kleidung und Untergründe zu achten.
- Einen passenden Weißabgleich zu verwenden.
- Die Farben anschließend mit dem tatsächlichen Produkt zu vergleichen.
Und nein, du brauchst dafür nicht zwangsläufig Tageslicht. Mit geeigneten Softboxen oder LED-Leuchten kannst du dir eine kontrollierte Lichtsituation schaffen, auch wenn es draußen dunkel ist. Entscheidend ist, dass du verstehst, wie Licht funktioniert und wie du es gezielt einsetzen kannst.
Eine gute Lichtsetzung ist die Grundlage. Aber sie macht eine sorgfältige Bildentwicklung nicht automatisch überflüssig.


Warum Kameras die Realität nicht einfach kopieren
Hier kommen wir zu einem Punkt, der bei der ganzen Diskussion häufig übersehen wird.
Eine Kamera ist kein Kopiergerät für die Realität.
Unsere Augen und unser Gehirn verarbeiten Licht und Farben anders als eine Kamera. Eine Kamera erfasst Licht über einen Sensor. Das Objektiv beeinflusst die Abbildung. Anschließend werden die aufgenommenen Informationen verarbeitet und in ein sichtbares Bild übersetzt. Dabei können unterschiedliche Abweichungen entstehen.
Farben und Weißabgleich
Ein falscher Weißabgleich kann weiße Produkte gelblich oder bläulich erscheinen lassen. Manche Farbtöne werden von Kameras nicht so wiedergegeben, wie wir sie am tatsächlichen Produkt wahrnehmen.


Helligkeit und Kontrast
Sehr helle und sehr dunkle Bereiche gleichzeitig darzustellen, ist für Kameras eine Herausforderung. Ein Produkt kann dadurch zu dunkel wirken, obwohl es in Wirklichkeit viel heller ist. Oder helle Materialien verlieren Zeichnung und Details.
Perspektive und Verzerrung
Gerade Smartphone-Weitwinkelobjektive können Proportionen verändern, insbesondere wenn du sehr nah am Produkt fotografierst. Eine Tasche wirkt dann möglicherweise breiter, ein Gefäß verzerrt oder ein Schmuckstück unnatürlich proportioniert.
Schärfe und Bildrauschen
Auch die kamerainterne Schärfung und Rauschreduzierung beeinflussen, wie Materialien und Oberflächen dargestellt werden. Das alles sind Eigenschaften und Grenzen fotografischer Technik. Und genau deshalb gehört die Bildentwicklung zur Fotografie. Nicht, um aus einem Produkt etwas anderes zu machen. Sondern um fotografische Abweichungen möglichst auszugleichen.
Ist ein Smartphone-Foto überhaupt unbearbeitet?
Jetzt wird es interessant. Viele stellen sich unter einem unbearbeiteten Foto eine Datei vor, die direkt aus dem Smartphone kommt. Aber was passiert eigentlich, wenn du mit deinem Handy fotografierst? Das Smartphone verarbeitet die aufgenommenen Bilddaten bereits automatisch.
Je nach Gerät und Einstellung werden beispielsweise Weißabgleich, Belichtung, Kontrast, Schärfe, Rauschen und Dynamikumfang angepasst. Moderne Smartphones können außerdem mehrere Aufnahmen miteinander verrechnen, um ein einziges fertiges Foto zu erzeugen.
Das Foto, das du in deiner Galerie siehst, ist also bereits das Ergebnis einer Bildverarbeitung.
Und jetzt kommt die nächste Frage. Was ist, wenn ich schon vor der Aufnahme Einstellungen verändere? Ich kann in vielen Kameras und Smartphone-Apps den Weißabgleich einstellen, die Belichtung korrigieren oder einen Bildstil auswählen. Manche Geräte bieten sogar Filter an, die direkt beim Fotografieren angewendet werden. Das Ergebnis kann sich deutlich unterscheiden, obwohl anschließend kein Bildbearbeitungsprogramm geöffnet wurde.
Warum soll eine Korrektur vor der Aufnahme authentischer sein als dieselbe Korrektur nach der Aufnahme?
Natürlich kann eine Plattform zwischen kamerainterner Verarbeitung und nachträglicher Bearbeitung unterscheiden. Aber diese technische Unterscheidung sagt noch nichts darüber aus, welches Foto das Produkt realitätsgetreuer darstellt. Und genau das ist mein Kritikpunkt.


RAW-Fotografie: Warum Bildentwicklung dazugehört
Wenn du mit einer Spiegelreflex- oder Systemkamera fotografierst, hast du möglicherweise schon einmal vom RAW-Format gehört. RAW-Dateien enthalten umfangreiche Sensordaten und bieten deshalb viel Spielraum für die Bildentwicklung.
Genau deshalb fotografieren viele professionelle Fotografinnen und Fotografen in RAW. Sie möchten selbst kontrollieren, wie Farben, Helligkeit, Kontrast und Details im fertigen Bild aussehen.
Eine RAW-Datei ist kein fertiges Produktfoto
RAW-Daten müssen zunächst interpretiert beziehungsweise entwickelt und anschließend in ein geeignetes Bildformat exportiert werden. Dafür nutzen wir beispielsweise Adobe Lightroom oder einen anderen RAW-Konverter. Wir passen den Weißabgleich an, kontrollieren die Belichtung, korrigieren gegebenenfalls Objektivfehler und sorgen für eine stimmige Farbwiedergabe.
Das ist keine Verfälschung. Das ist fotografische Bildentwicklung.
Und noch etwas:
Eine RAW-Datei kann je nach Kamera gut 30 MB oder deutlich mehr umfassen. Für einen Onlineshop exportieren wir daraus normalerweise ein JPEG oder ein anderes geeignetes Bildformat mit passenden Abmessungen und einer angemessenen Dateigröße. Das Foto durchläuft also ohnehin einen Verarbeitungsschritt. Warum sollten wir dabei ausgerechnet auf die Korrekturen verzichten, die für eine möglichst realitätsgetreue Darstellung sorgen?


Bildbearbeitung oder Bildmanipulation – wo liegt die Grenze?
Für mich ist das der entscheidende Punkt.
Wir müssen zwischen fotografischer Bildbearbeitung und irreführender Bildmanipulation unterscheiden.
Wenn ich ein Produktfoto aufhelle, weil das Produkt auf dem Foto zu dunkel wirkt, ist das eine normale Korrektur. Wenn ich den Weißabgleich anpasse, damit ein weißer Stoff wieder weiß aussieht, ebenfalls. Wenn ich eine Objektivverzerrung korrigiere, damit die Proportionen stimmen, entferne ich einen fotografischen Abbildungsfehler. Aber wenn ich aus einer roten Tasche digital eine blaue mache, obwohl ich nur die rote verkaufe, ist das etwas anderes.
Wenn ich einen Materialfehler entferne, den die Käuferin später am tatsächlichen Produkt sehen wird, täusche ich möglicherweise über dessen Zustand. Und wenn eine KI aus einem einfachen Produkt eine hochwertige Variante mit anderen Materialien oder zusätzlichen Details erzeugt, ist das ebenfalls problematisch.
Entscheidend ist das Ergebnis
Die wichtigste Frage lautet für mich deshalb nicht:
Wurde dieses Foto bearbeitet? Sondern:
Zeigt dieses Foto das tatsächliche Produkt korrekt?
Das ist die Unterscheidung, die ich mir auch von Etsy wünschen würde. Denn Etsy verlangt selbst, dass Produktbilder Farben, Materialien, Zustand und Aussehen des Artikels korrekt wiedergeben. Warum wird dann gleichzeitig ein unbearbeitetes Foto zum besonderen Echtheitsmerkmal erklärt?
Was ist mit Zuschneiden, Verkleinern und Exportieren?
Auch diese Frage kam mehrfach aus meiner Community. Darf ich das vorgeschriebene unbearbeitete Foto noch zuschneiden? Darf ich die Größe verändern? Und was ist mit der Komprimierung beim Export? Bei den übrigen Listingbildern sind solche Bearbeitungsschritte grundsätzlich erlaubt.
Beim vorgeschriebenen unbearbeiteten Foto ist die Formulierung dagegen deutlich strenger. Damit bleibt aus meiner Sicht eine wichtige praktische Abgrenzung offen. Denn eine Bilddatei technisch für einen Onlineshop aufzubereiten, ist etwas anderes, als ihren Inhalt irreführend zu verändern. Eine technische Größenanpassung verändert nicht zwangsläufig das dargestellte Produkt. Ein Zuschnitt kann dagegen durchaus wichtige Informationen entfernen.


Und eine JPEG-Komprimierung verändert zwar Bilddaten, bedeutet aber nicht automatisch, dass Farben oder Produkteigenschaften manipuliert wurden. Genau deshalb wäre eine präzise Definition sinnvoll.
Welche technischen Schritte sind beim vorgeschriebenen Foto erlaubt, und welche gelten bereits als unzulässige Bearbeitung?
Solange Etsy diese Abgrenzung nicht eindeutig erklärt, würde ich mich beim vorgeschriebenen Foto an die streng formulierte Vorgabe halten und auf nachträgliche Bildkorrekturen verzichten. Das ändert aber nichts an meiner Kritik, dass die Unterscheidung zwischen bearbeitet und unbearbeitet kein zuverlässiger Maßstab für eine realitätsgetreue Produktdarstellung ist.
Wie will Etsy erkennen, ob ein Foto bearbeitet wurde?
Das ist eine der spannendsten Fragen aus den Kommentaren unter meinem Instagram-Karussell. Und eine, auf die ich bisher keine eindeutige technische Antwort von Etsy gefunden habe. Etsy hat angekündigt, seine Systeme zur Erkennung irreführender KI-Inhalte weiterzuentwickeln.
Aber wie sieht es mit einer ganz normalen Bildentwicklung aus? Wie erkennt ein System, ob ich ein Foto in Lightroom um eine halbe Belichtungsstufe aufgehellt oder den Weißabgleich leicht korrigiert habe?
Steht die Bearbeitung in den Metadaten?
Nicht automatisch. Ein JPEG kann beispielsweise Informationen über das Kameramodell, die Blende, die Belichtungszeit, den ISO-Wert, den Aufnahmezeitpunkt oder das Copyright enthalten. Diese sogenannten Metadaten können auch Hinweise auf verwendete Software enthalten.
Aber die üblichen EXIF-Metadaten sind kein vollständiges Bearbeitungsprotokoll.
Bei Lightroom werden die Bearbeitungsschritte im Katalog beziehungsweise, abhängig von Einstellungen und Arbeitsweise, in XMP-Daten gespeichert. Beim Export als JPEG werden die sichtbaren Korrekturen in das fertige Bild eingerechnet. Die komplette Bearbeitungshistorie und sämtliche Reglerstellungen werden dabei normalerweise nicht automatisch mitgeliefert. Außerdem lässt sich beim Export festlegen, welche Metadaten enthalten bleiben.
Kann Etsy die Bearbeitung trotzdem erkennen?
Möglicherweise kann eine Bildanalyse bestimmte Bearbeitungsspuren erkennen oder Hinweise darauf liefern. Aber das ist nicht dasselbe wie ein zuverlässiger Nachweis, welche fotografischen Korrekturen vorgenommen wurden. Ohne Zugriff auf die ursprüngliche Aufnahme lässt sich aus einem fertigen JPEG nicht einfach exakt rekonstruieren, ob und wie stark beispielsweise der Weißabgleich korrigiert wurde.
Könnte Etsy das unbearbeitete Foto als Referenz nutzen?
Auch diese Vermutung kam in den Kommentaren auf. Theoretisch könnte ein System das vorgeschriebene Foto mit den übrigen Produktbildern vergleichen. Aber selbst dann bleibt ein grundlegendes Problem.
Ein unbearbeitetes Referenzfoto ist nicht automatisch die zuverlässigste Darstellung des Produkts.
Wenn dieses Foto einen Gelbstich hat und die bearbeitete Version die tatsächlichen Farben korrekt wiedergibt, würde ein einfacher Bildvergleich ausgerechnet die realitätsgetreuere Darstellung als Abweichung erkennen. Ein Bildvergleich könnte also Unterschiede feststellen. Er könnte damit aber nicht automatisch beurteilen, welche Version das tatsächliche Produkt besser wiedergibt. Und genau darum geht es mir.
Eine Veränderung am Foto ist nicht automatisch eine Verfälschung des Produkts.
Wie Etsy gewöhnliche fotografische Korrekturen technisch überprüft und bewertet, ist aus den bisher veröffentlichten Informationen nicht eindeutig ersichtlich.
Warum die neue Vorgabe gerade kleine Handmade-Shops trifft
Viele kleine Handmade-Labels fotografieren ihre Produkte selbst. Mit dem Smartphone, am Fenster, auf dem Küchentisch oder mit einer kleinen Lichtanlage. Und ich finde das überhaupt nicht problematisch. Du brauchst kein riesiges Fotostudio, um richtig gute Produktfotos zu machen.
Aber du musst verstehen, wie Licht, Perspektive, Bildaufbau und Bildbearbeitung zusammenwirken. Gerade kleine Shops können nicht für jedes Produkt eine perfekte, vollständig kontrollierte Aufnahmesituation schaffen. Und selbst unter sehr guten Bedingungen sind kleinere Korrekturen oft sinnvoll.
Ein unbearbeitetes Foto kann die gesamte Bildserie stören
Stell dir vor, du hast für deinen Shop eine schöne, stimmige Bildserie erstellt. Die Farben passen zusammen. Die Materialien kommen gut zur Geltung. Deine Kundinnen können erkennen, wie das Produkt tatsächlich aussieht. Und jetzt sollst du ein zusätzliches Foto hochladen, das dunkler, gelblicher oder farblich anders wirkt. Welches Foto soll die Kundin glauben? Gerade das kann Unsicherheit schaffen. Eine Shopbetreiberin schrieb mir, dass ihre Kundinnen in Bewertungen ausdrücklich bestätigen, wie genau die Produkte den Fotos entsprechen.
Was könnte ein besserer Beleg für authentische Produktfotografie sein?
Nicht die Abwesenheit von Bildbearbeitung schafft Vertrauen, sondern eine verlässliche Darstellung des Produkts.


Was ist mit KI-generierten Produktbildern?
Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Etsy gegen irreführende KI-Bilder vorgehen möchte. Wenn ein Produkt auf dem Bild ganz anders aussieht als das, was tatsächlich verkauft wird, ist das ein Problem.
Wenn Materialien, Farben, Verarbeitung oder Details erfunden werden, entstehen falsche Erwartungen. Und wenn ein Produkt überhaupt nicht existiert, obwohl das Bild etwas anderes suggeriert, ist das erst recht problematisch. Aber wir reden hier über zwei verschiedene Dinge.
Die Bekämpfung irreführender KI-Bilder ist nicht dasselbe wie die Einschränkung normaler fotografischer Bildentwicklung.
Natürlich kann auch eine klassische Bildbearbeitung irreführend sein. Und umgekehrt kann eine KI-gestützte Korrektur ein tatsächliches Produkt durchaus korrekt darstellen. Deshalb sollte die Grenze nicht allein an der verwendeten Software verlaufen. Sie sollte dort verlaufen, wo eine Darstellung Käuferinnen und Käufer über das tatsächliche Produkt täuscht. Etsy erlaubt bei den übrigen Listingbildern sogar weiterhin bestimmte KI-gestützte Bearbeitungen.
Umso weniger nachvollziehbar finde ich, warum ausgerechnet die Forderung nach einem unbearbeiteten Foto als Lösung für das Problem irreführender KI-Darstellungen dienen soll.
Die häufigsten Fragen zur neuen Etsy-Richtlinie
Muss ich jetzt alle meine Produktfotos neu machen?
Nicht zwangsläufig. Etsy verlangt für die meisten Artikel mindestens ein unbearbeitetes Foto des tatsächlichen Produkts. Wenn dein Listing diese Anforderung bereits erfüllt, musst du dafür nicht automatisch sämtliche Bilder ersetzen. Wenn es kein entsprechendes Foto enthält, kann eine Ergänzung notwendig sein.
Muss das unbearbeitete Foto mein erstes Listingbild sein?
Aus der allgemeinen Vorgabe ergibt sich nicht, dass das unbearbeitete Foto zwingend an erster Stelle stehen muss. Wichtig ist, dass das Listing die jeweiligen Bildanforderungen erfüllt.
Darf ich meine anderen Produktfotos weiterhin in Lightroom bearbeiten?
Ja. Bei den übrigen Listingbildern sind Korrekturen von Belichtung, Farbe und anderen fotografischen Eigenschaften weiterhin erlaubt, solange das tatsächliche Produkt korrekt dargestellt wird.
Darf ich für das vorgeschriebene Foto den Weißabgleich korrigieren?
Etsy verlangt, dass dieses Foto nicht nachträglich bearbeitet oder verändert wird. Eine nachträgliche Weißabgleichkorrektur fällt nach dieser strengen Formulierung nicht unter die ausdrücklich erlaubten Bearbeitungen. Wie Etsy kamerainterne Einstellungen und automatische Smartphone-Verarbeitung davon abgrenzt, wird nicht ausreichend erklärt.
Ist ein direkt aufgenommenes JPEG wirklich unbearbeitet?
Es kann im Sinne einer Plattformvorgabe als unbearbeitete Originalaufnahme gelten. Technisch wurde es aber bereits durch die Kamera oder das Smartphone verarbeitet. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Kann Etsy anhand der Metadaten erkennen, ob ich Lightroom benutzt habe?
Metadaten können Hinweise auf Software oder Bearbeitung enthalten. Sie müssen das aber nicht. Aus den üblichen EXIF-Daten allein lässt sich die vollständige Lightroom-Bearbeitung nicht zuverlässig rekonstruieren.
Kann Etsy ein unbearbeitetes Foto als Vergleichsbild verwenden?
Theoretisch ja. Ob Etsy das tatsächlich so macht, ist aber nicht eindeutig bekannt. Und selbst ein solcher Vergleich würde nicht automatisch beweisen, welche Aufnahme das Produkt realitätsgetreuer darstellt.
Was passiert, wenn Etsy mein Foto beanstandet?
Etsy kann Hinweise beim Hochladen geben und bei Verstößen gegen seine Bildrichtlinien Maßnahmen ergreifen. Welche Folgen im Einzelfall entstehen, hängt von der konkreten Beanstandung und den geltenden Plattformregeln ab. Eine gewöhnliche Farbkorrektur bedeutet jedenfalls nicht automatisch, dass das Produkt falsch dargestellt wurde.
Muss ich Vorher-Nachher-Fotos hochladen?
Nein. Etsy verlangt kein Vorher-Nachher-Paar. Für die meisten Produkte ist mindestens ein unbearbeitetes Foto erforderlich. Die übrigen Bilder können weiterhin bearbeitet sein.
Kann ich meine bearbeiteten Fotos einfach vom Bildschirm abfotografieren?
Ein Bildschirmfoto oder das Abfotografieren eines bearbeiteten Bildes macht die ursprüngliche Bearbeitung nicht ungeschehen. Außerdem soll das vorgeschriebene Foto den tatsächlichen Artikel vor einem realen Hintergrund zeigen. Solche Umwege würde ich deshalb nicht empfehlen.
Sind unbearbeitete Bilder grundsätzlich schlechter?
Nein, natürlich nicht. Ein gut fotografiertes JPEG kann bereits sehr nah an der tatsächlichen Erscheinung des Produkts liegen. Aber das ist eben keine automatische Eigenschaft eines unbearbeiteten Fotos. Genauso wenig ist ein bearbeitetes Foto automatisch besser. Entscheidend ist, wie gut die Aufnahme und gegebenenfalls die Bildentwicklung das Produkt wiedergeben.
Was ist, wenn die Kundin die Farben auf ihrem Bildschirm anders sieht?
Das ist ein grundsätzliches Problem der digitalen Bilddarstellung. Unterschiedliche Bildschirme können Farben und Helligkeiten unterschiedlich wiedergeben. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Produktbilder auf einem möglichst zuverlässig eingestellten Bildschirm zu beurteilen. Eine absolute Übereinstimmung auf sämtlichen Endgeräten lässt sich trotzdem nicht garantieren. Mehr dazu im nächsten Abschnitt über die Farbwiedergabe auf Bildschirmen.
Warum erlaubt Etsy bei Print-on-Demand digitale Mock-ups, verlangt bei Handmade aber unbearbeitete Fotos?
Jetzt wird es besonders interessant. Bei Print-on-Demand-Produkten erlaubt Etsy unter bestimmten Voraussetzungen digitale Mock-ups. Das bedeutet: Ein Design wird beispielsweise digital auf ein T-Shirt, eine Tasse oder eine Tasche gesetzt.
Das fertig bedruckte Produkt muss zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existieren. Und das ist grundsätzlich nachvollziehbar. Schließlich wird das Produkt häufig erst nach der Bestellung hergestellt.
Aber jetzt kommt der Widerspruch
Bei Print-on-Demand akzeptiert Etsy unter bestimmten Voraussetzungen eine digital zusammengesetzte Produktdarstellung. Bei Handmade-Produkten, die tatsächlich existieren und fotografiert werden können, verlangt Etsy dagegen mindestens ein unbearbeitetes Foto. Ich darf also unter bestimmten Bedingungen ein Produkt digital darstellen, das noch gar nicht hergestellt wurde. Aber wenn ich meine selbst genähte Tasche fotografiere und anschließend den Weißabgleich korrigiere, darf ich dieses Bild nicht als das vorgeschriebene unbearbeitete Foto verwenden?
Wo ist da bitte die Logik?
Natürlich müssen auch Print-on-Demand-Mock-ups das angebotene Produkt korrekt darstellen. Und natürlich gibt es gute praktische Gründe, warum Etsy sie erlaubt. Aber genau das zeigt doch, worauf es eigentlich ankommen sollte:
Nicht darauf, ob ein Produktfoto bearbeitet oder digital zusammengesetzt wurde, sondern darauf, ob die Darstellung das tatsächliche Produkt korrekt wiedergibt.
Das bedeutet nicht, dass Print-on-Demand und Handmade dieselben Herstellungsbedingungen haben. Aber wenn Etsy digitale Produktdarstellungen unter bestimmten Bedingungen als ausreichend vertrauenswürdig akzeptiert, wird umso deutlicher, dass „unbearbeitet“ kein allgemeingültiger Maßstab für Authentizität sein kann. Und deshalb halte ich die neue Vorgabe für Handmade-Produkte für den falschen Ansatz.
Unterschiedliche Bildschirme: Warum Farben nie überall gleich aussehen
Ein weiteres Argument tauchte in den Kommentaren unter meinem Instagram-Karussell auf:
Was ist eigentlich, wenn ein Produktfoto auf meinem Bildschirm anders aussieht als auf dem Bildschirm meiner Kundin? Auch das ist eine berechtigte Frage. Aber sie betrifft ein grundsätzliches Problem der digitalen Bilddarstellung – nicht speziell die Bildbearbeitung.
Jeder Bildschirm kann Farben anders darstellen
Ein Smartphone, ein Laptop, ein Tablet und ein großer Monitor können ein und dasselbe Produktfoto unterschiedlich wiedergeben. Das liegt unter anderem an:
- Unterschiedlichen Displays und Farbräumen.
- Abweichenden Helligkeits- und Kontrasteinstellungen.
- Unterschiedlichen Farbeinstellungen.
- Automatischen Displayfunktionen, die Farben und Helligkeit anpassen.
- Fehlender oder ungenauer Kalibrierung.
Ein Türkis kann dadurch auf einem Bildschirm bläulicher wirken und auf einem anderen grünlicher. Ein helles Produktfoto kann auf einem sehr hell eingestellten Smartphone beinahe überbelichtet aussehen, während es auf einem dunkleren Monitor völlig ausgewogen erscheint.


Das bedeutet aber nicht automatisch, dass das Produktfoto falsch bearbeitet wurde.
Was bringt eine Bildschirmkalibrierung?
Wer Produktfotos zuverlässig beurteilen und bearbeiten möchte, sollte mit einem möglichst farbverbindlich eingestellten Bildschirm arbeiten. Dafür gibt es spezielle Kalibrierungsgeräte. Sie helfen dabei, die Farbwiedergabe des Monitors zu überprüfen und einzustellen. So kann ich meine Produktbilder auf einer möglichst verlässlichen Grundlage entwickeln. Aber selbst wenn mein Bildschirm kalibriert ist, weiß ich nicht, wie die Kundin ihr Smartphone eingestellt hat.
Ich kann schließlich nicht kontrollieren, auf welchem Gerät sie meinen Onlineshop besucht.
Und wie war das früher bei gedruckten Prospekten?
Wer aus dem klassischen Printbereich kommt, kennt das Thema schon lange. Wenn wir beispielsweise einen gedruckten Produktkatalog oder Prospekt erstellt haben, wurden Farben in der Lithografie beziehungsweise Druckvorstufe abgestimmt. Mit Farbprofilen, Proofs und einer kontrollierten Druckausgabe ließ sich die Farbwiedergabe innerhalb definierter Bedingungen wesentlich verbindlicher beurteilen. Auch dabei ging es darum, die Farben möglichst genau an die tatsächlichen Produkte beziehungsweise die gewünschte Druckvorlage anzugleichen.
Bei digitalen Produktfotos haben wir dagegen keinen Einfluss auf sämtliche Bildschirme, auf denen unsere Bilder später angezeigt werden.
Ist das jetzt ein Argument gegen Bildbearbeitung?
Ganz im Gegenteil. Denn die Tatsache, dass Bildschirme Farben unterschiedlich darstellen, ändert nichts daran, dass wir unsere Produktfotos möglichst sorgfältig entwickeln sollten. Wenn mein Ausgangsfoto bereits einen deutlichen Gelbstich hat, wird dieser Fehler nicht dadurch behoben, dass ich es unbearbeitet lasse. Und wenn eine Kundin das Foto anschließend auf einem anders eingestellten Bildschirm betrachtet, kommt möglicherweise noch eine weitere Abweichung hinzu.
Ein unbearbeitetes Foto löst also das Problem unterschiedlicher Bildschirmdarstellungen überhaupt nicht.
Entscheidend ist, dass wir unsere Produktbilder unter möglichst kontrollierten Bedingungen erstellen, die Farben mit dem tatsächlichen Produkt abgleichen und auf eine zuverlässige Wiedergabe achten. Eine absolute Farbgleichheit auf jedem Bildschirm können wir nicht garantieren. Aber wir können dafür sorgen, dass unsere Produktfotos auf einer möglichst realitätsgetreuen Grundlage entstehen. Und genau deshalb ist eine sorgfältige Bildbearbeitung so wichtig.
Mein Fazit: Entscheidend ist, ob das Foto dein Produkt korrekt zeigt
Ich unterstütze ausdrücklich das Ziel, Käuferinnen und Käufer vor irreführenden Produktbildern zu schützen. Gerade auf einer Plattform wie Etsy, auf der viele kleine kreative Labels ihre handgemachten Produkte verkaufen, ist Vertrauen enorm wichtig. Aber Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man ein Foto für authentisch erklärt, nur weil es unbearbeitet ist.
Authentisch bedeutet nicht unbearbeitet. Authentisch bedeutet, dass das Foto dein tatsächliches Produkt korrekt zeigt.
Und manchmal braucht es dafür eben eine Farbkorrektur, einen angepassten Weißabgleich oder eine Belichtungskorrektur. Die neue Etsy-Richtlinie vermischt aus meiner Sicht zwei Themen, die getrennt betrachtet werden müssen: irreführende Bildmanipulation und normale fotografische Bildentwicklung. Das eine muss verhindert werden. Das andere ist ein selbstverständlicher Bestandteil guter Produktfotografie. Besonders widersprüchlich finde ich, dass Etsy bei Print-on-Demand unter bestimmten Voraussetzungen digitale Mock-ups akzeptiert, bei tatsächlich fotografierten Handmade-Produkten aber auf einem unbearbeiteten Foto besteht.
Das zeigt für mich, wie wenig die bloße Unterscheidung zwischen bearbeitet und unbearbeitet über die Vertrauenswürdigkeit eines Produktbildes aussagt. Und auch das Argument unterschiedlicher Bildschirme ändert daran nichts. Natürlich können Farben und Helligkeiten auf verschiedenen Geräten unterschiedlich aussehen. Das ist eine grundsätzliche Herausforderung der digitalen Bilddarstellung. Aber gerade deshalb sollten wir unsere Produktfotos so sorgfältig wie möglich erstellen und entwickeln.
Nicht weniger sorgfältig. Ich würde mir deshalb von Etsy eine klare Unterscheidung und eine nachvollziehbare Definition wünschen, welche Bearbeitungen tatsächlich problematisch sind. Denn am Ende interessiert eine Kundin nicht, ob ich in Lightroom einen Regler bewegt habe. Sie möchte wissen:
Sieht das Produkt, das bei mir ankommt, tatsächlich so aus wie auf dem Foto?
Und genau daran sollte sich eine gute Richtlinie für Produktbilder orientieren.
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